Do - Der Weg

Im Shotokan Karate-Do gibt es eine Vielzahl von Wörtern und Begriffen, die auf dieser Seite in Themengebieten zusammengefasst sind. Die angegebenen Definitionen sind einmal wörtliche Übersetzungen bzw. die daraus resultierenden Bedeutungen.

Do-Weg

Die Kampfkunst Karate-Do wird im Allgemeinen meist nur mit Karate bezeichnet. Man trifft selten Situationen im Alltag an, in denen über das Karate-Do gesprochen wird. Warum wird das Wort Do so selten mit ausgesprochen? In anderen Kampfkünsten, wie z.B. dem Judo, dem Aikido oder dem Taekwon-Do wird es doch auch mit betont.

Wahrscheinlich ist das Wort Karate-Do einfach zu lang, d.h. es besteht aus zu vielen Silben. Mit dem einzelnen Wort Karate wird wohl scheinbar deutlich, über welche Kampfkunst gesprochen wird. Doch ist es wirklich so? Können wir das Do einfach so aus dem Wort Karate-Do und damit aus dieser Kampfkunst verbannen?
Die gängigste Übersetzung des Wortes Do ist Weg . Doch dieses Wort gibt in Wahrheit nur eine sehr schwache Vorstellung von dem wieder, was Do eigentlich ist. Denn mit einem Wort läßt sich nicht eines der Hauptaspekte, wenn nicht sogar der Hauptaspekt dieser Kampfkunst erklären. Do ist nicht nur ein Weg , sondern es ist alles, was diesen Weg in seiner Gesamtheit ausmacht.

Betrachtet man Karate-Do ohne das Do, so stellt dieses erst einmal eine Kunst der Selbstverteidigung dar. Eine Kunst, die bis ins kleinste genau festgelegte Formen enthält. Jeder, der diese Kampfkunst übt, kennt dieses aus dem Training. Es wird versucht jede Technik, egal ob im Kihon, in der Kata oder auch im Kumite, so präzise wie nur möglich zu trainieren bzw. auszuführen. Karate wird also damit zu etwas Festgelegtem, etwas Starrem, und ohne das Do für jeden einfach und sehr leicht zu erlernen. Sehr leicht deshalb, weil jede Technik in einzelne Sequenzen aufgesplittet werden kann, und (z.B. aus einem Buch abgelesen) aneinander gereiht für jeden wieder eine klare festgelegte Form widerspiegelt.
Auch das Jiyu-Kumite, das scheinbar vollkommen von Flexibilität beherrscht wird, ist in erster Linie ohne das Do nichts weiter als eine festgelegte Form: Zwei Karateka stehen sich gegenüber, wobei jeder bemüht ist nicht getroffen zu werden, aber selber versucht eine seiner (fest eintrainierten) Techniken anzuwenden. So könnte eine einfache Definition lauten, und mehr ist es im Prinzip erst einmal gar nicht.
Warum Karate, oder richtiger Karate-Do, in Wirklichkeit doch mehr ist als nur eine starre Form, eine einfach zu erlernende Abspulreihenfolge von festgelegten Sequenzen, das versucht dieses kleine, fast unscheinbare Wort Do wiederzugeben.
Do stellt einmal die Veränderung, das Anpassungsfähige, die Variation und damit das Lebendige dar. Betrachtet man vergleichsweise die Natur, so sieht man, das in ihr nichts Lebendiges existiert, das auch gleichzeitig starr ist. Alles ist flexibel und anpassungsfähig, sonst könnte es nicht in dieser Vielfalt der Ereignisse überleben. Karate-Do ist beispielsweise vergleichbar mit einem Baum, der für sich alleine betrachtet nur ein festgelegtes, komplexes Geäst (Kata) aus festgelegten, verschiedenen Elementen (Kumiteformen) und Atomen (Kihon) darstellt, und erst in seiner Gesamtheit in der Natur (Anwendung im Dojo und im Leben) zu einem flexiblen, überlebensfähigen Objekt wird. Eine Technik so auszuführen, wie sie vergleichbar in einem Buch steht, ist relativ einfach. Sie aber so auszuführen, das sie anwendbar, nutzbringend und auch in entsprechenden Situationen ihr Ziel mit der ihr gedachten Intention trifft, ist eine Sache, die viel Zeit erfordert. Vielfaches Wiederholen, korrigieren, ausprobieren und an sich arbeiten ist notwendig und hiermit beginnt nun der Weg – das eigentliche Do.

Das Do ist weiterhin ein Kampfbegleiter, wobei der Kampf nicht zwischen zwei Personen, sondern nur im inneren des Einzelnen ausgefochten wird. Entscheidend ist nicht das Ziel, also die perfekte Ausführung der Technik, sondern die Geduld, das Bemühen sich einer Aufgabe zu stellen und an ihr zu arbeiten. Selbst dann an ihr zu arbeiten, wenn aus welchen Gründen auch immer, das Ziel unerreichbar scheint oder sogar ist.
Das Do stellt uns, wie auch das Leben selber, ständig vor Hindernisse, die es zu überwinden gilt. In Verbindung mit dem Karate entsteht das Karate-Do, das eine Herausforderung darstellt, die man erst annehmen muß, damit man es meistern kann. Das Fortschreiten und Reifen ist sehr wichtig im Karate-Do sowie im Leben selbst. Es ist notwendig um zu leben und um zu überleben.

Viele Dinge des Alltags wünscht man sich als etwas greifbares , also feststehendes, die das Gefühl der Sicherheit vermitteln sollen. Durch die Komplexität des Lebens entstehen aber immer wieder Veränderlichkeiten, und diese rütteln an unserer Vorstellung vom klar strukturierten Leben. Der Mensch und vielmehr noch der Karateka sollte sich ständig dessen bewußt sein, das er in seinem Leben und damit auf seinem Weg des Karate-Do immer anpassungsfähig und flexibel bleiben muß. Nur so kann er die Hürden des Do und des Lebens meistern. Eine chinesische Weisheit stellt den Aspekt der Flexibilität in interessanter Weise dar:

"Fürchte Dich nicht vor dem Langsamgehen, aber hüte Dich vor dem Stehenbleiben."


Vielleicht wird nun klar, warum anfangs davon gesprochen wurde, das Karate (ohne das Do) selbst leicht zu erlernen sei. Denn es sind nicht die Techniken selber, die das Problem darstellen. Es sind vielmehr unsere eigenen Grenzen (körperlich, geistig und seelisch), die es uns so schwer machen, uns auf einfache Weise weiter zu entwickeln. Erst das ständige Bekämpfen dieser vielen kleinen und großen Hindernisse führt uns auf den Weg des Karate-Do.
Deshalb sollte in Zukunft, wenn über das Karate gesprochen wird, nicht das Do vergessen werden, denn es gehört nicht nur dazu, sondern es ist das Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Dingen, die nur etwas starres, festgelegtes und nichts lebensbezogenes darstellen. Das Starre lebt nicht mehr und vergeht mit der Zeit, das Flexible aber ist in der Lage sich der neuen Situation zu stellen und sie zu meistern.