Maai- Die Harmonie mit dem Raum

Im Shotokan Karate-Do gibt es eine Vielzahl von Wörtern und Begriffen, die auf dieser Seite in Themengebieten zusammengefasst sind. Die angegebenen Definitionen sind einmal wörtliche Übersetzungen bzw. die daraus resultierenden Bedeutungen.

maai

Der Weg vom Verstehen zum Beherrschen einer Technik ist sehr lang. Am Anfang steht das Begreifen der Form im Vordergrund. Der Karateka sieht eine Technik oder bekommt diese vom Sensei gezeigt und versucht sie anfangs mehr oder weniger gut nach zu vollziehen. Hat er ihren Zweck begriffen, gilt es nun die vielen kleinen Einzelheiten, die zu jeder Technik gehören, zu trainieren. Er gelangt mit der Zeit schließlich an einen Punkt, an dem er die Form für sich betrachtet korrekt ausführen kann.
Beobachtet man Karateka während des Trainings, so sieht man bei einigen von ihnen starke, ästhetische Techniken, die im Kihon an das angrenzen, was im Allgemeinen als eine perfekte Technik bezeichnet wird. Dennoch kann es sein, das diese vollkommen unwirksam ist, wenn es darum geht sie in einer realen Situation einzusetzen. Der Grund hierfür ist Maai, oder besser gesagt falsches Maai.

Maai ist eine Wortzusammensetzung aus Ma (Raum) und Ai (Harmonie). Es geht hier also darum, das der Karateka mit dem Raum in Harmonie tritt, d.h. eine Verbindung schafft zwischen seiner Technik, dem Ziel und dem Raum dazwischen. Er muß also die Distanz zum Ziel richtig abschätzen, um seine Technik auch effektiv in einem Punkt wirken lassen zu können.
Im Gegensatz zu z.B. einem abgeschossenem Pfeil, ist eine Karatetechnik in bezug zum zurückgelegten Weg sehr begrenzt. Das Ziel ist es, den Arm oder das Bein so schnell wie möglich zu beschleunigen und seine gesamte Bewegungsenergie im Ziel abzugeben. Ist die Distanz nun zu kurz, so hat die Technik noch nicht ihre maximale Geschwindigkeit erreicht. Genauso nachteilig ist eine zu weite Distanz. Hier wird die aufgebrachte Energie durch das entsprechende Körperteil wieder abgebremst, da das Ziel nicht erreicht worden ist. Im schlimmsten Fall kann sich hier der Karateka sogar bei mangelnder Kontrolle selbst verletzen. Man kann sich sehr leicht vorstellen, wie klein der maximale Wirkungsbereich einer Technik sein kann.

Es lassen sich nun drei Distanzen definieren, die in einer realen Konfrontation ständig wechseln, wobei die Übergänge fließend sind:
Der erste Fall ist To-Ma, die große Distanz. Die Karateka stehen sich mit so großem Abstand gegenüber, das eine direkte Technik mit dem Arm oder dem Bein nicht möglich ist. Hier herrscht die geringste Gefahr und auch die geringste körperliche und geistige Spannung. Erst durch einen Schritt oder geeignetes Suri-Ashi ließe sich die Distanz so weit reduzieren, das eine Technik erst möglich wäre.
Die mittlere Distanz bietet erstmals eine direkte Gefährdung durch das hintere Bein eines Angreifers. Allerdings ist noch keine direkte Technik mit den Armen möglich. Erst in Chika-Ma, der kurzen Distanz, ist alles möglich. Hier ist die Spannung von Körper und Geist am größten. Dieser Abstand sollte nicht zu lange eingenommen oder vom gegenüber aufgezwungen werden, es sei den man verfolgt damit eine besondere Absicht. Ohne gutes Zanshin kann sich hier schnell die innere Spannung zu einer Verkrampfung wandeln, die der Gegenüber sofort zu seinem Vorteil nutzen könnte.

Richtiges Maai ist aber nicht nur im Karate-Do wichtig. Eine Harmonie mit allen Personen und Dingen zu finden, denen man im Alltag begegnet, ist sehr wichtig für das eigene Wohlbefinden. Maai stellt hier die richtige Distanz oder die richtige Nähe zu allem Umgebenden dar. Wobei das Umgebende z.B. die Natur oder die Personen im unmittelbaren Umfeld oder die eigenen Handlungen darstellen kann. Der Karateka sollte versuchen zu allem richtiges Maai zu finden, um sein Leben in Harmonie führen zu können.
Distanz wird in unserer Sprache mehr im negativen Sinn gebraucht. Distanz wird als Abstand gesehen, den man gerne zu allen Problemen behalten möchte. Als Karateka sollte man aber versuchen Distanz als etwas Positives für sich selbst zu betrachten. In der Selbstverteidigung ist Maai nicht der Abstand zum Gegenüber, sondern die eigene ideale Position, aus der man selber optimal handeln und reagieren oder auch abwarten kann. Im Alltag ist Maai nicht der Abstand zu allen Problemen, den man wahren will, um den Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Sondern hier ist Maai die richtige Position, von der aus man das Problem am optimalsten für sich lösen kann und auch lösen sollte. Richtiges Maai hilft alles objektiver zu betrachten und führt letztendlich zur Harmonie mit dem Leben.